Warum Nvidia-CEO Huang auf deutsche Ingenieurskunst setzt

Keine Zukunft ohne Functional Safety

Jensen Huang im Gespräch mit Kanzler Merz: „Die Daten Deutschlands sind Teil Ihrer natürlichen Ressourcen. Sie gehören der Nation. Ihre digitale Erfahrung, Ihre Kultur, Ihr Wissen und Ihre Werte sind Ihr Datenschatz. Sie sollten die beste KI-Technologie der Welt importieren, um diesen Schatz zu heben – aber Sie sollten Ihr Wissen nicht exportieren, um es dann als fremde Intelligenz reimportieren zu müssen. Sie haben jede Fähigkeit, Ihre eigene KI aufzubauen.“ © KI-erzeugtes Bild

Beim „Invest in Germany“-Gipfel in Berlin trafen Bundeskanzler Friedrich Merz und Nvidia-CEO Jensen Huang zu einem launigen Gespräch zusammen. Im Mittelpunkt ihres „Kamingesprächs“ stand die Frage, wie sich Deutschland und Europa von anderen Weltregionen unterscheiden und wie sie diese Unterschiede mithilfe von KI zu klaren Wettbewerbsvorteilen ausbauen können. Jensen ist der Meinung, dass Deutschland im neuen KI-Zeitalter eine Schlüsselrolle in Europa und der Welt spielen kann, wenn Regierung und Industrie die bestehenden Stärken nutzen und mit KI kombninieren.

Merz schien sich im Gespräch mit Jensen Huang sichtlich wohlzufühlen. Er hofft wohl, dass etwas von dem Nimbus, der den Nvidia-Gründer umgibt, auf ihn abstrahlt. Jedenfalls lobt er dessen Engagement gleich zu Beginn des Gesprächs in den nächsten Tönen:

„Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich wirklich beeindruckt bin von dem, was Nvidia und deutsche Unternehmen hierzulande bereits leisten. Wir in der Regierung setzen uns daher voll und ganz dafür ein, dass unser Land zu den weltweit fortschrittlichsten Standorten wird – nicht nur in der Europäischen Union, sondern weltweit –, wenn es darum geht, mit KI zu arbeiten und KI in unsere Industrie zu integrieren.“

Wie konkret diese Transformation im Fahrzeugbau bereits greifbar ist, verdeutlichte der Kanzler an einem prominenten Beispiel aus dem Automobilbereich:

„Ola Källenius hat mir gerade ein Modell der neuen S-Klasse von Mercedes überreicht und versprochen, dass dieses Auto bis Ende dieses Jahres in Deutschland autonom fahren wird. Am sichersten und am autonomsten. Das geschieht also in Deutschland.“

Mittelstand im Zugzwang: Daten nutzen, Silos öffnen

Damit der Durchbruch beim autonomen Fahren und in der intelligenten Produktion gelingt, reicht das Engagement einzelner Premium-OEMs jedoch nicht aus. Die gesamte Wertschöpfungskette – insbesondere der stark mittelständisch geprägte Zuliefersektor der Automobilelektronik – muss nachziehen. Merz richtete daher einen dringlichen Appell an die Entscheider der Branche:

„Bitte öffnen Sie Ihre Türen für die KI, damit diese Ihre Daten nutzen kann. Das ist für die Zukunft Deutschlands von entscheidender Bedeutung.“

Der Regulierungs-Spagat: Schutz oder Innovation?

Für Entwickler innovativer KI-Produkte ist der regulatorische Rahmen eine der zentralen Fragen. Einerseits hemmt Überregulierung die Entwicklungsgeschwindigkeit im Vergleich zu den USA oder China, andererseits untergraben fehlende Standards das Vertrauen in autonome Systeme. Merz hat diese Debatte im Gespräch mit Jensen Huang offen angesprochen:

„Können Sie uns einen Rat zur Regulierung geben? Wir führen in Brüssel auf europäischer Ebene eine sehr intensive Debatte im Vergleich zu den USA. Was ist der beste Weg, diese Industrie oder diese neue Technologie zu regulieren? Ich denke, wir sind uns einig, dass keine Regulierung nicht die richtige Antwort ist. Eine zu strenge Regulierung ist auch nicht die richtige Antwort. Aber was ist aus Ihrer Sicht die richtige Antwort im Hinblick auf das Schadenspotenzial? Was können wir besser machen als andere?“

Nvidia-Chef Jensen Huang antwortete mit einem klaren Bekenntnis zur funktionalen Sicherheit – einer Ingenieurskunst, die in Deutschland über Jahrzehnte nicht nur in der Automobilbranche gepflegt und gelebt wurde:

„Sicherheit hat oberste Priorität. Es gibt keine Zukunft für diese Industrie ohne sichere Produkte, genauso wie es keine Zukunft für autonome Fahrzeuge gibt, wenn sie nicht sicher sind. Sicherheit und Leistungsfähigkeit schließen sich nicht aus. Sie sind eins und müssen zusammengehen.“

Huang skizzierte für eine fundierte KI-Regulierung drei grundlegende Säulen:

  1. Technologische Innovation für Sicherheit:

„Man kann nichts regulieren, wenn es die Technologie gar nicht gibt. Die Tech-Industrie muss die Technologie für die Sicherheit erst erfinden – genau wie Ola Källenius und ich die Technologie erfinden mussten, um das sicherste autonome Fahrzeug der Welt zu bauen. Sicherheit ist nicht Hoffnung und Wunschdenken. Sicherheit ist Technologie und Ingenieurwesen.“

  1. Methodik und Best Practices in der Industrie:

„Die Unternehmen müssen Best Practices anwenden. Wie viele im Publikum wissen – besonders in der Automobilindustrie –, bedeutet Sicherheit tiefe Methodik, fundierte Best Practices und echtes Engineering. Diese Methodik muss strikt eingehalten werden.“

  1. Anwendungsspezifische staatliche Regulierung:

„Es sollte die Anwendung reguliert werden. Wenn KI-Technologien auf neuartige Produkte angewendet werden, die von bestehenden Regulierungsbehörden noch nicht abgedeckt sind, müssen diese schnellstmöglich evaluiert und in die Regulierung einbezogen werden. Gibt es keine florierende Industrie, gibt es auch nichts zu regulieren. Die Ausgewogenheit zwischen Innovation und Sicherheit ist entscheidend.“

Kanzler Merz zeigte sich von dieser pragmatischen Ausrichtung ermutigt und verwies auf Erfolge bei der Abgrenzung von Industriemaschinen und Automotive-Anwendungen im EU-Regelwerk:

„Das war extrem hilfreich, denn wir diskutieren darüber auf europäischer und nationaler Ebene. Mein Ansatz ist, dass wir mindestens eine europäische, besser noch eine globale Regulierung für die Sicherheit dieser Technologie brauchen. Ich war bereits erfolgreich darin, die KI-Regulierung für den Maschinenbau und die Industrie in Deutschland aus der allgemeinen KI-Beschränkung der EU herauszulösen und eine spezielle Regulierung zu ermöglichen.“

Mit Blick auf die langfristige Zusammenarbeit fügte der Kanzler schmunzelnd hinzu, dass er Huang künftig gerne regelmäßig – mindestens einmal im Jahr – im Kanzleramt empfangen wolle, um Fortschritte zu evaluieren.

Jensen lobt Europäische und Deutsche Stärken

Die Verbindung zwischen dem Silicon-Valley-Riesen Nvidia und der deutschen Automobilindustrie ist kein Produkt des aktuellen KI-Hypes, sondern historisch gewachsen. Huang erinnerte an die Anfänge von Nvidia um die Jahrtausendwende:

„Die Geschichte von Nvidia und Deutschland spielten eine sehr große Rolle. Im Jahr 2000 waren wir ein reines Consumer-Unternehmen für PC-Spiele. Erst die Partnerschaft mit dem deutschen Unternehmen Elsa führte uns in den Workstation-Bereich und ebnete den Weg zu allen Automobilherstellern. 2005 führte uns Audi in die Automobilindustrie ein, und 2020 schlossen Ola Källenius und ich die Partnerschaft für autonome Fahrzeuge. Nvidia und Deutschland stehen sich seit langer Zeit sehr nahe.“

Die Trumpfkarten: Daten, Know-how und Physical AI

In der Analyse der globalen Wettbewerbsfähigkeit strich Huang die besonderen Stärken des deutschen Industriestandorts heraus: die einzigartige Kombination aus jahrzehntelanger Domänenexpertise, tiefem physikalisch-technischem Know-how im Mittelstand und immensen industriellen Datenbeständen.

„Die Daten Deutschlands sind Teil Ihrer natürlichen Ressourcen. Sie gehören der Nation. Ihre digitale Erfahrung, Ihre Kultur, Ihr Wissen und Ihre Werte sind Ihr Datenschatz. Sie sollten die beste KI-Technologie der Welt importieren, um diesen Schatz zu heben – aber Sie sollten Ihr Wissen nicht exportieren, um es dann als fremde Intelligenz reimportieren zu müssen. Sie haben jede Fähigkeit, Ihre eigene KI aufzubauen.“

Für Entwickler in der Elektronik- und Systementwicklung formulierte Huang eine zentrale These zur Zukunft der künstlichen Intelligenz: Die nächste Evolutionsstufe sei nicht rein digital, sondern physikalisch geprägt.

„Die nächste Welle der KI ist die ‚Physical AI‘. Hier interagiert KI mit der physischen Welt – in der Robotik, der Fertigung, in Fahrzeugen und der Schwerindustrie. Eine allgemeine künstliche Intelligenz wird niemals tiefes Domänenwissen ersetzen. Egal wie smart eine allgemeine KI ist: Sie wird niemals so klug sein wie jemand, der hochspezialisiert auf dem Gebiet der elektromechanischen Technologie ist.“

Globaler Vergleich: Deutschland hat im KI-Zeitalter gute Karten

Im historischen und globalen Vergleich zeigte Huang auf, warum der Wandel von reiner Softwareentwicklung hin zur elektromechanischen KI Deutschland in eine hervorragende Ausgangsposition bringt:

„In der letzten industriellen Revolution der Computertechnik haben die USA ihre Schwerindustrie und Fertigung weitgehend nach China ausgelagert. Heute gibt es drei große Industrienationen: Deutschland, Japan und China. Aber jetzt erleben wir einen kompletten Reset: Die letzten 50 Jahre drehten sich um Softwareprogrammierung. In der neuen Ära programmiert sich der Computer selbst. Aber alle digitale Technologie der Welt wird niemals elektromechanische, physische Technologie ersetzen. Elektronen werden niemals Atome ersetzen.“

Mit Blick auf den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel im Ingenieurbereich sieht Huang in der KI die Rettung des deutschen Prozesswissens:

„Die Herausforderung des Mittelstands ist oft der Arbeitskräftemangel, weil Fachkräfte älter werden. Nutzen Sie künstliche Intelligenz, um das Wissen und das Können dieser Generation zu codieren, der KI beizubringen und hier in Deutschland zu halten. Re-engineer Germany – das ist Ihre Chance.“

Bundeskanzler Merz bestätigte diese Einschätzung nachdrücklich:

„Jensen, Sie geben uns großen Optimismus für unser Geschäftsmodell. Ich habe immer darauf bestanden, dass wir ein Land der industriellen Fertigung bleiben müssen. Die USA haben den Fehler gemacht, ihre Fertigung zu exportieren. Unsere Chance liegt nun darin, unsere tiefe Erfahrung in der Produktion mit KI zu verbinden.“

Jensen kündigt weitere Investitionen an

Jensen unterstreicht die Wertschätzung für den deutschen High-Tech-Standort auch mit harten Zahlen. So habe der Tech-Konzern europaweit knapp 10 Milliarden US-Dollar in das Technologie-Ökosystem investiert. Allein im letzten Jahr flossen demnach knapp eine Milliarde Dollar in deutsche Beteiligungen und Projekte.

Neben bestehenden Engagements in deutsche KI- und Deep-Tech-Unternehmen wie Black Forest Labs kündigte Huang im Rahmen des Gipfels weitere Direktinvestitionen an, unter anderem in Doctolib, Entalpic, Genesis AI, Pigment sowie in die Robotik- und Aerospace-Spezialisten Agile Robots, Avilios, Mirilla und Reflex Aerospace.

„Wir sind in vielerlei Hinsicht einer der größten Risikokapitalgeber in Deutschland, weil ich an diesen Standort glaube. Die wissenschaftliche und technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands ist einfach unübertroffen. Wir haben tausend Mitarbeiter hier und ein fantastisches Büro in Berlin. Einige der fundamentalen Erfindungen unseres Unternehmens stammen aus unserem Berliner Büro.“

Huang begrüßte zudem die politischen Bestrebungen in Deutschland, Regularien so anzupassen, dass mehr Risikokapital und Pensionsfonds-Mittel in junge Technologie- und KI-Start-ups fließen können.

Fazit für die Automobilelektronik

Das Treffen von Politik und Spitzen-Tech zeigt: Für die deutsche Automobil- und Zulieferindustrie ist KI ein strategisch entscheidendes Werkzeug, um vorhandene Ressourcen optimal nutzen und einsetzen zu können. Von der Sensorik über die Domänenrechner bis hin zur autonomen Fahrfunktion muss nun das vorhandene elektromechanische Know-how aktiv in KI-Modelle übersetzt werden. Die Basis aus historischer Safety-Expertise, reichhaltigen Industriedaten und starker Hardware-Kompetenz bildet genau das Fundament, auf dem die Fahrzeuge und Fertigungssysteme der nächsten Generation entstehen werden.

Ob das gehypte Führungspersonal allerdings als Buddys und Ratgeber wirklich geeignet ist, um Politik und Industrie voranzubringen, ist fraglich. Hier sei an die enge Beziehung zwischen Herbert Diess und Elon Musk erinnert, der den Tesla-Chef im Oktober 2021 sogar zu einer internen Führungskräftekonferenz von VW einlud. Musk sprach dort via Videoschalte über Führung, Innovation und Entwicklungsgeschwindigkeit. Der Rest ist Geschichte. (jr)