AAOS SDV: Open Source zu Googles Bedingungen?

Von Klaus Oertel

Google hat AAOS SDV angekündigt, eine Erweiterung des Android Automotive OS auf nicht-sicherheitskritische Fahrzeugkomponenten jenseits des Infotainments. (© Android)

Der Vorstoß von Google ins softwaredefinierte Fahrzeug ist nachvollziehbar. Aber wenn die Spielregeln am Ende nur von einem Akteur bestimmt werden, hat das mit einem wirklich offenen Ansatz wenig zu tun.

Die Ankündigung kam vor ein paar Tagen mit dem gewohnten Google-Selbstbewusstsein: Android Automotive OS, bislang auf Infotainmentsysteme beschränkt, soll künftig als offene Infrastruktur für nicht-sicherheitskritische Fahrzeugkomponenten dienen. AAOS SDV heißt das neue Angebot, und die Botschaft dahinter ist klar: Automobilhersteller sollen sich auf das konzentrieren, was sie wirklich unterscheidet, während Google die Plattform als Open Source liefert. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine sinnvolle Arbeitsteilung. Entscheidend ist jedoch, unter welchen Bedingungen dieses Ökosystem, das Google noch in diesem Jahr ausrollen will, tatsächlich umgesetzt wird – und genau an diesem Punkt stellen sich derzeit noch einige offene Fragen.

Open Source ist nicht gleich offen

Die Automobilindustrie hat in den vergangenen Jahren gelernt, dass eine gemeinsame Softwarebasis keine Schwäche ist, sondern industrielle Vernunft. Warum jeder OEM sein eigenes Betriebssystem-Fundament entwickeln soll, wenn keiner damit Geld verdient, leuchtet niemandem mehr ein. Eclipse SDV, das VDA-Memorandum of Understanding mit 32 Unterzeichnern, das wachsende Engagement rund um Projekte wie Eclipse S-CORE: All das zeigt, dass die Branche verstanden hat, wie kollaborative Softwareentwicklung funktioniert. Sara Gallian, Senior Manager für SDV- und Automotive-Programme bei der Eclipse Foundation bringt es in ihrem Blog auf den Punkt: „Open Source ist nicht gleich offen. Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Code, sondern in der Governance, also darin, wer die Roadmap bestimmt, wer Lizenzbedingungen ändern darf und wer im Zweifel das letzte Wort hat.“

Nach allem, was bisher bekannt ist, folgt Googles Ansatz dem Modell des sogenannten „Single Vendor Open Source“: Ein Unternehmen stellt Code zur Verfügung, behält aber die Kontrolle über Richtung, Lizenzierung und Zugang. Partner sind willkommen – aber eben als Partner, nicht als gleichberechtigte Mitgestalter. Bei Google klingt das so: „Wir sind davon überzeugt, dass Autohersteller und Nutzer Wahlmöglichkeiten und Flexibilität haben sollten und dass offene Plattformen hierfür die besten Voraussetzungen schaffen.“

Governance ist keine Bürokratie – sie ist Versicherung

Foundation-basiertes Open Source, wie es die Eclipse Foundation, die Apache Software Foundation oder auch die Linux Foundation praktizieren, klingt in seiner Beschreibung oft sperrig: Meritokratie, Vendor-Neutralität, offene Entscheidungsprozesse. In der Praxis bedeutet es aber etwas Einfaches: Kein einzelnes Unternehmen kann das Projekt kapern, die Lizenz ändern oder die Community vor vollendete Tatsachen stellen. Das ist Risikomanagement. Für einen OEM, der seine gesamte Fahrzeugarchitektur auf einer Plattform aufbaut, ist die Frage der Governance mindestens so relevant wie die technische Leistungsfähigkeit der Software.

Es wäre auch naiv, den strategischen Kontext zu ignorieren. Europa diskutiert intensiv über digitale Souveränität, über Abhängigkeiten von US-amerikanischen und chinesischen Technologieplattformen, über resiliente Lieferketten nicht nur für Hardware, sondern auch für Software.

Dass 32 Unternehmen Anfang 2026 ein Memorandum of Understanding für eine herstellerneutrale Open-Source-Governance unterzeichnet haben, ist als klares Signal aus der Industrie zu werten. Es zeigt die Bereitschaft zur Zusammenarbeit auf Basis transparenter Regeln, gleichberechtigter Beteiligung und gemeinsamer Kontrolle.


Das auf Flexibilität ausgelegte AAOS SDV-Framework kann hypervisorbasierte Virtualisierung mit Virtio-Unterstützung nutzen, um Softwaredomänen voneinander zu trennen, oder es kann für optimale Leistung bei geringer Latenz auf Bare-Metal-Systemen bereitgestellt werden. (© Android)


Was von Google zu erwarten wäre

Googles Schritt, AAOS SDV als Open-Source-Plattform zu positionieren, verdient grundsätzlich Anerkennung. Die Richtung stimmt. Doch die Frage, ob daraus ein wirklich offenes, inklusives Ökosystem wird oder ein gut verpacktes Plattformgeschäft mit Open-Source-Label, ist noch nicht beantwortet.

Am Ende ist es die industrieweite Debatte darüber, wer die SDV-Softwareinfrastruktur der Zukunft unter welchen Bedingungen kontrolliert. Auf der einen Seite stehen Tech-Konzerne wie Google (AAOS SDV) und Apple (CarPlay Ultra), die ihre Plattformkompetenz tief ins Fahrzeug ausdehnen. Auf der anderen Seite steht eine wachsende europäische Open-Source-Bewegung, repräsentiert durch Eclipse SDV und das VDA-MoU, die Herstellerneutralität zur Grundbedingung industrieller Kooperation erklärt.

Die Antwort liegt nicht im Code. Sie liegt in der Bereitschaft, Kontrolle abzugeben an eine neutrale Governance-Struktur, an eine Community, an eine Industrie, die auf diese Plattform angewiesen sein soll. Solange diese Bereitschaft nicht erkennbar ist, bleibt AAOS SDV das, was es im Moment ist: ein vielversprechendes Angebot, das man annehmen kann – oder auch nicht. (oe)

Klaus Oertel ist Chefredakteur von AEEmobility.